Interactive Art

Memopol-2

Preis: Goldene Nica - Golden Nica



KünstlerInnen:
Timo Toots (EE)

Adresse (URL):
http://works.timo.ee/memopol/, http://www.timo.ee

Cyberarts 2012 - International Compendium Prix Ars Electronica 2012

Memopol-2 ist eine soziale Maschine, die das Informationsfeld ihrer Nutzer kartografiert. Wird ein Identifikationsdokument wie zum Beispiel ein Personalausweis oder ein Pass eingeführt, beginnt die Maschine, Informationen über deren Inhaber aus nationalen wie internationalen Datenbanken und aus dem Internet zusammenzutragen. Diese werden dann auf einer großen, maßgeschneiderten Displayinstallation visualisiert. Nutzer der Maschine werden mit Namen und Porträt gespeichert. 

Die kyrillische Schreibweise des Installationstitels ist eine Anspielung auf den Großen Bruder in George Orwells dystopischem Roman 1984. Im Lauf der letzten Jahrzehnte hat die Technik die Überwachung der Gesellschaft tiefgreifend verändert. Bei jedem Surfen im Internet, jedem Bezahlen mit der Bankomat-Karte, jeder Benutzung eines Ausweises hinterlässt man eine digitale Spur. Internet und soziale Netzwerke sammeln und liefern eine Fülle persönlicher Informationen, und das Profil einer Person ist nicht mehr nur an deren physische Gegenwart gebunden. Die Hintergrundprüfung mithilfe von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken ist längst zur Routine geworden. Memopol-2 ermöglicht eine gründliche Prüfung des eigenen Hintergrunds, die unser virtuelles Abbild widerspiegelt. 

Estland ist anderen Ländern bei der staatlichen Datenerhebung weit voraus. In Estland sind bereits seit zehn Jahren elektronische Personalausweise in Gebrauch und es existiert ein System, das alle staatlichen Datenbanken miteinander vernetzt. Mithilfe persönlicher Kartenlesegeräte sind diese Daten leicht abrufbar. Auf dem in einer hellgrünen, freundlichen, Vertrauen stiftenden Ästhetik gehaltenen Regierungsportal kann man die eigenen Daten – von Medikamentenverschreibungen bis zu den Schulnoten, von der Steuererklärung bis zum Führerschein – einsehen. Memopol-2 ist eine Reaktion auf solche Entwicklungen und konterkariert ihre Ästhetik mit einem Erscheinungsbild, das übermächtig und böse, düster und Furcht einflößend ist: einer Rückprojektion zeitgenössischer Technik in retro-futuristische Zeiten. Die Mittel von 1984 stehen längst zur Verfügung. Die Frage ist, wie werden eingesetzt? In Friedenszeiten machen diese Mittel das Leben um vieles leichter. Aber was, wenn sich der politische Wind dreht?

Credits:
Idea, design, programming: Timo Toots (EE)
Co-designer: Martin Rästa (EE)
Co-programmer: Tanel Külaots (EE)
Co-programmer: Arne Gödeke (DE)
Sound design: Hendrik Kaljujärv, Karl Saks (EE) http://www.timo.ee